Die „makabre“ Vergleichstabelle der Stadt Buxtehude

Auf unserer Veranstaltung am 14.11. haben die Vertreter der Stadt Buxtehude ihre Hochwasserschutzplanung vorgestellt. Jetzt ist dieser Vortrag auch auf der Webseite der Stadt Buxtehude veröffentlicht und jeder kann ihn hier noch einmal nachlesen. Kernstück ihres Vortrages war eine Tabelle, die die verschiedenen Maßnahmen des Hochwasserschutzes vergleicht. Solche Tabellen nennt man auch Entscheidungstabellen, weil man für alle in Frage kommenden Maßnahmen die Konsequenzen zusammenstellt und so die Entscheidungsfindung erleichtert.

BuxteHW

Natürlich muss in einer solchen Tabelle auch das Richtige drinstehen, sonst nützt die schönste Tabelle nichts.
Und da fängt das Problem an.
Um es vorweg zu nehmen: Vieles ist falsch bzw. unvollständig! Und wir haben ernsthafte Zweifel an der Richtigkeit der Daten.
Schauen wir uns an, was Buxtehude zu diesem Thema zustande gebracht hat:
Als Maßnahmen werden genannt:
• die Innenstadtlösung (Minideiche, Spundwände etc.),
• der Rückhaltedamm im Estetal,
• extra Überflutungspolder im Alten Land (links oder rechts der Untereste),
• ein Mündungsschöpfwerk in Cranz –
• sowie verschiedenste Kombinationen dieser Maßnahmen.

Aber zuerst zu den Vergleichskriterien, die in den Spalten der Tabelle angegeben werden. Da wird in den ersten beiden Spalten angegeben, ob die Baumaßnahmen die Bedingungen des 100-jährigen Hochwassers (HQ100) und des 10-jährigen Hochwassers (HQ10) bei geschlossenem Sperrwerk über drei Tiden erfüllen.
Und – was Wunder – die Kanalisierung der Este in der Buxtehuder Innenstadt liefert den vollen Schutz für beide Bedingungen. Der Rückhaltedamm versagt dagegen beim 10-jährigen Hochwasser und taucht daher als einzelne Maßnahme gar nicht mehr auf, sondern nur in Kombination mit weiteren Maßnahmen.
Eine solche Rechnung ist bestimmt nicht einfach und viele Annahmen gehen dort ein. Gerade deshalb bestehen wir darauf, dass die Rechnung, die den Rückhaltedamm angeblich disqualifiziert, bis zum letzten Komma und Bruchstrich offengelegt wird.
Nur so viel: Wahrscheinlich ist für die Schließung des Sperrwerkes über 3 Tiden mit 35 oder 36 Stunden gerechnet worden. Warum nur? Man stelle sich das praktisch vor.
Eine Sturmflut zwingt dazu, das Cranzer Sperrwerk bei Beginn des ersten auflaufenden Wassers zu schließen, auch um Stauraum in der Este freizuhalten. Bei ablaufendem Wasser steht das Wasser in der Elbe noch so hoch, dass das Sperrwerk nicht geöffnet werden kann. Dann ist der erste Tidezyklus beendet. Der zweite verläuft genauso. Das Sperrwerk ist also nach dem zweiten ablaufenden Wasser immer noch geschlossen und muss jetzt erst recht im dritten Tidezyklus geschlossen bleiben, weil jetzt wieder der Flutzyklus einsetzt. So weit so klar. Aber warum kann dann im dritten Tidezyklus nicht nach der Flut bei ablaufendem Wasser das Sperrwerk geöffnet werden? Warum muss es dann rechnerisch geschlossen bleiben, um es erst wieder bei auflaufendem Wasser des 4. Tidezyklus zu öffnen – um es dann aber höchstwahrscheinlich bald wieder schließen zu müssen. Völlig unlogisch und willkürlich. Nein – es ist viel realitätsnäher, das Sperrwerk im dritten Zyklus bei ablaufendem Wasser bereits zu öffnen – also nach 30 Stunden.
Dieser Unterschied ist sehr wichtig, denn er verkürzt die Stauzeit in der Untereste erheblich.
Wir brauchen hier keine Rechentricks sondern verantwortungsvollen Hochwasserschutz.

Jetzt zurück zur Tabelle:
In einer weiteren Spalte werden dann der Flächenverbrauch und die Kosten der Maßnahmen angegeben.
Mehr ist nicht vorhanden. Das ist der Kern der Buxtehuder Untersuchung.
Da fehlt doch etwas? Was könnte es sein? Ja natürlich: Wir – die Esteanlieger – fehlen und die direkten Folgewirkungen:
• Die Überflutung von über 170 Häusern entlang der Este, die daraus folgenden Sanierungs- und Reparaturkosten durch Hochwasserschäden an der Untereste werden in der Buxtehuder Kostenkalkulation überhaupt nicht berücksichtigt.
• sowie die Flutung der Siedlung, Grundschule und Kita in Hamburg – Cranz mit all den Zerstörungen
• und den menschlichen Folgen

Alles offensichtlich komplett uninteressant! Wird gar nicht hinterfragt! Wir Geschädigte an der Untereste tauchen schlichtweg in der Analyse überhaupt nicht auf! Und damit will Buxtehude in das Planfeststellungsverfahren gehen?
Weiter: Hochwasserschutzmaßnahmen muss man in passive Schutzmaßnahmen oder aktive Hochwasserregulierung unterteilen. Erstere leiten nur Wasser weiter, lösen also eigentlich gar kein Problem der Hochwasserentstehung. Dagegen können z.B. Rückhaltebecken mit Wehr die Wassermengen regulieren. Auch das wird gar nicht in der Tabelle erfasst.

Die „Reichweite“ einer Maßnahme wird also vernachlässigt – also ob man nur einen Ort schützt oder den ganzen unterliegenden Flusslauf. Das ist ein entscheidender Qualitätsunterschied, der hier einfach vernachlässigt wird. Und so kommt dann auch das widersinnige Ergebnis zustande, dass die Minideiche und Spundwände alle Kriterien bestehen, der Rückhaltedamm aber nicht. Hier hat man Äpfel mit Birnen verglichen.
Und jetzt noch einmal zu den Kosten. Die Innenstadtlösung soll 6,14 Mio € kosten, der Rückhaltedamm dagegen 7,7 Mio €. Diese Zahlen können wir kaum glauben, weil sie schon bei grober Betrachtung unplausibel sind.
Im Falle der Innenstadtlösung müssen
• jeweils über 4 km beiderseits der Este die Maßnahmen tief gegründet werden, um Unterspülungen vorzubeugen. Also müssen alle möglichen Versorgungsleitungen gequert werden mit entsprechenden Umverlegungen oder sonstigen Maßnahmen.
• Dazu kommen noch Brücken – und Haussicherungen.
• Aber auch stadtinterne Aufwendungen müssen berücksichtigt werden, um beim Starkregen eigene Regenmengen loszuwerden, die nicht mehr in die Este abfließen können.
Wir würden gerne sehen, wie alle diese Kosten abgeschätzt wurden.
Und für den Querdamm würden wir ebenfalls die Kostenschätzung überprüfen, damit wir sie mit Dammbauwerken aus anderen Bundesländern vergleichen können.

Jetzt zur Logik der Kombinationsvorschläge :
Die innerstädtische Minideichlösung wird als Einzellösung mit 6,14 Mio € aufgeführt, obwohl sie kein einziges Problem der Unterlieger löst.
Die Querdammlösung mit 7,7, Mio € erfüllt angeblich nicht den HQ10 – Fall, also wird eine zusätzliche Maßnahme notwendig. Also rechnet man trotzdem noch mit Innendeichen und Spundwänden bis 4 m über NN (4,6Mio €) oder mit verschieden großen Poldern unterhalb Buxtehudes (>8 Mio €) oder mit einem Mündungsschöpfwerk (10 Mio €) – alles Zusatzmaßnahmen mit erheblichen Zusatzkosten (siehe Werte in Klammern). Und so liegen dann die Kombinationskosten mit dem Querdamm zwischen 12,3 Mio € und 17,7, Mio € – je nach Kombination.
Diese Methode ist ein Vergleich, der nur aus der Buxtehuder Perspektive betrachtet ist und alle positiven wie negativen Folgen für die Untereste außer Betracht lässt.
Was für eine seltsame Logik!! Wieder werden Äpfel mit Birnen verglichen.

Wenn man die Unterlieger mit berücksichtigen muss und will, und deshalb einen Polder/ein Schöpfwerk zusätzlich kostenmäßig plant, muss doch der logische Vergleich folgendermaßen sein:
1. Die innerstädtische Lösung und eine sehr große Zusatzmaßnahme unterhalb Buxtehudes, da ja die volle Wassermenge sofort in der Untereste strömt.
2. Einen Querdamm und einen sehr kleinen Polder unterhalb Buxtehudes, da der Querdamm bereits 2,6 Mio cbm aufnimmt. (vorausgesetzt es ist überhaupt eine Zusatzmaßname notwendig, was sehr unwahrscheinlich ist).
Dieses Beispiel zeigt, wie manipulativ die Fälle gegenübergestellt werden und der Eindruck erweckt wird, die Innenstadtlösung sei bei Weitem die billigste.

Dabei ist es bei einer Gesamtkostenrechnung geradezu umgekehrt.
Bei einer weitgehenden Renaturierung der Obereste sowie einem 2,6 Mio cbm Rückhaltebecken im Estetal, werden die Kosten für die Buxtehuder Innenstadtlösung, Deicherhöhungen und Polderbau im Unterlauf eingespart, so wie alle Folgekosten für den Katastrophenschutz, eventuelle Pumpstationen, Haftungen eingespart.
Das ist die allgemeine Erfahrung im Hochwasserschutz. Wer frühzeitig von der Quelle an konsequenten Hochwasserschutz betreibt, spart im Gesamtauflauf Kosten – und zwar erheblich.
Dass Buxtehude dieser Gesichtspunkt egal ist, spricht nicht für die Buxtehuder Politik.
Uns als Betroffene kann es überhaupt nicht egal sein! Und dem Land Niedersachsen ebenfalls nicht!

Denn es handelt sich bei der Buxtehuder Planung nicht nur um vollkommen unzulänglichen Hochwasserschutz. Es ist obendrein eine Verschwendung von Steuergeldern und auch ein sachwidriger Einsatz von Küstenschutzgeldern für innerstädtische Strukturmaßnahmen.

 

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