Hochwasserschutz für alle erreicht man nur durch Zusammenarbeit!

Leserbrief an das Tageblatt vom 17.10.13 (ungekürzte Fassung)

Die Planungen der Stadt Buxtehude zur Kanalisierung der Este im Stadtgebiet und den damit verbundenen Risiken für den Unterlauf der Este haben allergrößte Besorgnisse bei allen Anliegern ausgelöst. Deshalb hat sich am 18.9.2013 die „Interessengemeinschaft Este“ gegründet. Alle  Gemeinden der Untereste sind darin vertreten – einschließlich Cranz. 45 Bürger haben sich am Gründungsabend spontan als Mitglieder eingetragen und der weitere Zulauf zu unserer Interessengemeinschaft ist sehr groß. Bisher haben wir noch keinen Bürger getroffen, der nicht unsere Befürchtungen teilt. Und wir erfahren große Unterstützung vom Jorker Gemeinderat und den darin vertretenen Parteien.

Worum geht es?

Wir müssen in Zukunft vermehrt mit Starkregenereignissen rechnen. Die Wassermassen werden dann die Este  hinunterlaufen und die dortigen Siedlungen entlang des Estedeiches zu beiden Seiten des Flusses noch häufiger überfluten. Wir wissen wovon wir reden, denn so etwas hat es in der Vergangenheit schon mehrmals gegeben.

Der Gesetzgeber hat nach den Erfahrungen mit den Überflutungen der letzten Jahre entsprechende Gesetze auf den Weg gebracht, die einen ganzheitlichen Hochwasserschutz von der Quelle bis zur Mündung vorschreiben. Unser Problem ist also weder die „große Politik“  noch deren Gesetzgebung, sondern die Umsetzung im Landkreis , insbesondere durch den Alleingang der Stadt Buxtehude. Nötig wären – eine grundsätzliche Renaturierung der Obereste – ein Stopp der zunehmenden Einleitungen aus Baugebieten und Gewerbegebieten in die Obereste – der Bau eines Querdammes und damit Rückhaltebeckens oberhalb Buxtehudes, um nur die wichtigsten Maßnahmen zu nennen. Nichts von alledem sehen wir.

Die Sprachlosigkeit zwischen den Landkreisen Stade und Harburg führt dazu, dass eine Lösung nur für Buxtehude  durchgesetzt werden soll –und zwar im Alleingang-, die die Absichten des Wasserhaushaltsgesetzes geradezu auf den Kopf stellt. Anstatt Kontrolle der Wassermengen im Oberlauf sollen jetzt die Wassermassen eines Starkregens durch Minideiche, Spundwände und Betonwände ohne Risiko für  Buxtehude schnellstmöglich durch die Stadt hindurchgeleitet werden. Diese Wassermengen laufen dann in die Untereste und damit in unsere Siedlungen. Bei diesem Plan werden offensichtlich die Zahlen aus verschiedenen Gutachten so hingerechnet, dass angeblich „alles in die Untereste passt“. Dabei sind die Wassermengen eines Starkregenereignisses riesig.  Zwei Fälle müssen in der Planung betrachtet werden: Ein hundertjähriges Ereignis (HQ100):  55,4 Kubikmeter pro Sekunde  ( 55,4 cbm/Sek) im Scheitel. Und zur Berechnung der Beschickhöhe von Deichen und Spundwänden: Ein 10 jähriges Ereignis (HQ10) kombiniert mit einem  geschlossenen Sperrwerk über 3 Tiden (ca. 35 Stunden) mit 35 cbm/Sek  im Scheitel. Parallel ist für HQ10 auch gerechnet worden:  19 cbm/Sek  im Dauerzufluß (nicht nur im Scheitel) plus 6 cbm/Sek aus den Schöpfwerken der Untereste, also zusammen 25 cbm/Sek  im Dauerzufluss. Eine einfache Rechnung zeigt, dass  die Este dann bei geschlossenem Sperrwerk für 55,4 cbm/sec  bereits  in 1,2  Stunden vollläuft  und für 25 Kubikmeter/Sek in etwas über 5 Stunden. Und danach laufen dann unsere Gärten und Häuser voll – als Bestandteil des Hochwasserschutzes. Und das soll effizienter Hochwasserschutz sein? Und das ist auch der grundlegende Unterschied zu der Zeit, als das Sperrwerk an der Estemündung gebaut wurde. Vor 1962 traten öfter die von der Elbe tidebedingten Wassermengen über die Ufer. Damals hat man nicht nur gesagt: „Was soll‘s- dafür haben wir ja die Deiche und das Vordeichgebiet.“  Nein, mit dem Bau des Sperrwerks in Cranz wurde grundsätzlich sichergestellt, dass kein Tidehochwasser mehr in die Estesiedlungen laufen konnte. Ziel war es, die Wassermassen im Flussbett der Este  ohne Überflutung der anliegenden Siedlungen zu beherrschen. Und das hat sich seit über 50 Jahren bewährt. Wir haben kein einziges großes Hochwasser mehr erlebt. Das Buxtehuder Vorgehen  ist genau anders herum. Hier wird das Stauvolumen der Este  genommen, um den Buxtehuder Plan zu realisieren und die dann häufigeren Überflutungen entlang der Este sind geradezu planmäßig einkalkuliert. Hinter den schlichten Deichhöhen in den Gutachten der Stadt Buxtehude von 3,50m verbirgt sich nicht das Flussbett der Este. Nein – dahinter verbergen sich unsere Gärten, die dann überfluten und danach mit Sand und Schlick überschwemmt sind. Dahinter verbergen sich unsere Keller, in die das Wasser durch Leckagen oder Backsteinfundamente drückt sowie alle erdgeschossigen Wohnräume, wenn das Wasser durch Wände, Keller oder Leckagen in die Häuser drängt. Dahinter verbirgt sich stinkender Schlamm, der sich in Wände und unter Dielenböden setzt und alles unbewohnbar macht. Das alles hat für uns der Vergangenheit angehört. Für uns ist das kein Hochwasserschutz sondern ein Schritt zurück in die erste Hälfte des  letzten Jahrhunderts. Ziel der Planung ist es nicht, die Este im Flussbett zu beherrschen, sondern unsere Siedlungen als Überflutungsräume als Teil des Hochwasserschutzes zu nutzen.  Dies ist aus unserer Sicht eine wirklich gedankenlose Planung, die nur sich selbst sieht und nicht alle Anlieger der Este berücksichtigt. Wir glauben nicht, dass die Buxtehuder Bürger diese Folgen hinter den Zahlen kennen, geschweige denn solche Folgen selbst verursachen wollen. Und wie muss man die vermeintliche Sicherheit für die Buxtehuder Bürger bewerten? Einige mögen noch denken. Erst einmal sind wir sicher. Das andere kann ja später noch kommen. Dabei übersehen sie, dass das ganze Planungswerk auch für die Buxtehuder Bürger und deren Sicherheit hingerechnet wurde. Wenn die Starkregenmengen kommen, ganz egal ob es ein großes HQ100 Ereignis  oder ein HQ10 Fall ist, werden sich diese Wassermassen auf keinen Fall im Mühlenteich kontrollieren lassen, es sei denn, man baut hier meterhohe Wände. Geschweige denn, dass diese Wassermassen in beherrschbarer Weise durch das Granini-Wehr geleitet werden können.  Die Wassermassen werden neben der Este in die Stadtgebiete fluten. Und die tiefste Landschaftslinie – das Flussbett der Este selbst –  ist dann  durch Minideiche, Spundwände und Betonwände abgeriegelt. Da werden dann auch keine Pumpstationen weiterhelfen. Die Bürger der Brunckhorstschen Wiesen – und nicht nur die – sollten im höchsten Maße alarmiert sein und sich aktiv in die Planung einmischen. Darüber hinaus besteht auf einer Breite von 50m absolutes Bauverbot für die direkten Anlieger der Minideiche, dessen harte Konsequenzen bestimmt  vielen  Anliegern  in Buxtehude  noch nicht klar sind.

Somit  haben wir Anlieger der Untereste und die Buxtehuder Bürger doch absolut identische Interessen. Wir alle liegen zu großen Teilen im Überflutungsgebiet und wir alle brauchen einen wirkungsvollen Hochwasserschutz. Ein Querdamm oberhalb Buxtehudes ist dafür  die einzig realistische und wirkungsvolle Maßnahme. Man muss es nur wollen!!

Natürlich muss hierfür eine Finanzierung gefunden werden. Keiner kann verlangen, das Buxtehude hier eine finanzielle Leistung bringt, von der nicht nur die Stadt, sondern die gesamte Untereste, das ganze Alte Land und die Industrie an der Estemündung profitiert. Aber wir von der Interessengemeinschaft Este, und sicherlich die Jorker Gemeinderäte, die politischen Parteien und Bürgerinitiativen wären die sichersten und stärksten  Verbündeten der Stadt Buxtehude, um eine solche Gemeinschaftsleistung politisch durchzusetzen. Wir wollen diesem gemeinsamen Ziel  auch trotz des Buxtehuder Alleinganges noch allerhöchste Priorität einräumen. Das Ziel einer gemeinsamen Lösung ist zu wichtig, als dass wir von der Interessengemeinschaft uns durch unsere momentane Fassungslosigkeit und Verärgerung leiten lassen sollten.

Deshalb werden wir der Stadt Buxtehude folgendes vorschlagen:

– Die Stadt Buxtehude stellt einen Antrag auf Gebietsausname vom Bauverbot für die betroffen Innenstadtbereiche, um erst einmal den Zeitdruck durch das Bauverbot aufzuheben.

–  Zeitgleich beginnen Die Arbeiten für eine baureife Planung zum Querdamm mit realistischen Zahlen. Dabei könnten viele der Maßnahmen, die jetzt für den Estelauf in der Stadt geplant werden, dann auch noch notwendig sein, um einen sicheren Abfluss aus dem Rückhaltebecken gewährleisten zu können.

– Parallel werden systematische Verhandlungen mit dem Landkreis Harburg aufgenommen, um die Renaturierung der Obereste in Angriff zu nehmen. (Gerade jetzt werden wieder große Baugebiete geplant, deren Oberflächenwasser auch wieder in die Este fließen werden.)

– Alle Parteien; die Stadt Buxtehude, die Gemeinden am Unterlauf der Este , die Interessengemeinschaft Este und alle Bürgerinitiativen unternehmen eine große gemeinsame politische Anstrengung , um eine entsprechende Finanzierung für den Querdamm in Buxtehude zu erreichen.

Hochwasserschutz für alle erreicht man  nur durch Zusammenarbeit!

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